17Sep2007

DVS Versicherungs-Symposion 2007 - Tagungsbericht

In Journalistenkreisen wurde das diesjährige DVS Symposion mitunter schon als „deutsche RIMS“ gewertet – und in der Tat war es beindruckend, was man vom 11. bis 13. September 2007 in München zu sehen und hören bekam. Allein die auf über 400 Personen angewachsene Besucherzahl und eine voll (und schnell) ausgebuchte Ausstellung mit dem „Who is Who“ der Industrieversicherer einschließlich interessanter Newcomer sowie verschiedenster Dienstleister rund um die Industrieversicherung machten deutlich, daß die Veranstaltung von allen Beteiligten als das bestimmende Forum des deutschen Marktes angenommen worden ist. Trotz seiner Größe ist das DVS Symposion aber immer noch ein stark von den Verbandsmitgliedern geprägtes Treffen, denn fast die Hälfte der Teilnehmer kamen auch dieses Mal aus der versicherungsnehmenden Wirtschaft.

Schon am Eröffnungsabend zeigte sich, daß die Marktbeteiligten viel miteinander zu bereden hatten. In einem ungezwungenen Umfeld konnten alte Kontakte gepflegt und neue begründet werden. Beides wurde rege genutzt. Allein die Vorbuchungen für diesen Veranstaltungsteil hatten schnell die 200er Marke überschritten.

Am nächsten Morgen führte der Vorsitzende des DVS, Ralf Oelßner, Deutsche Lufthansa AG, die Teilnehmer in seiner Eröffnungsansprache mitten in das aktuelle Geschehen des Industrieversicherungsmarktes. Trotz des in der Vergangenheit vielfach beschworenen Zyklusmanagements stehen nach seinen Beobachtungen auch in diesem Jahr die Prämien vor einem weiteren Abrieb, in der industriellen Sachversicherung sogar im zweistelligen Bereich. Einen der tragenden Gründe hierfür sah Herr Oelßner in der Ausweitung des Angebots (Mapfre, Mitsui, QBE, Quinn usw.) bei gleichzeitig stagnierender Nachfrage durch die Industrie. Mit einer gewissen Sorge registrierte er diesbezüglich aber, was die Industrie in einer kürzlich veröffentlichten Studie als die Top 10 Risiken angegeben hatte. Die wirklich großen geopolitischen Risiken seien nicht darunter gewesen (z.B. Mangel an Rohstoffen, Trinkwasser, Nahrungsmittel sowie Überbevölkerung, klimatische Entwicklung etc.), obwohl deren betriebswirtschaftlichen Einflüsse auf der Hand lägen. In seinem anschließenden Vortrag zu „Bermudakapazitäten für die Erstversicherung“ zeichnete Herr Oelßner zunächst die Geschichte des Versicherungsstandortes Bermuda nach und skizzierte ihn heute als ein Zentrum für Rück- und Erstversicherer, eine Bündelung von Expertise auf kleinster Fläche, einen Standort mit direktem Zugang zu Aufsicht und Regierung und schließlich als einen Niedrigsteuerstandort. Das klassische Geschäftsmodell der Bermuda-Versicherer beschrieb Herr Oelßner als das opportunitätsgetriebene Angebot von Cat-Deckungen, wenn auch bestimmte Gesellschaften gelernt haben, sich als erfolgreiche und langfristiges Anbieter zu etablieren (z.B. XL, ACE, Arch). Zunehmend geraten die Bermudagesellschaften aber wegen ihres Cat-Monoliner-Modells unter den Druck der Rating-Agenturen und versuchen nun, eine Risikostreuung vorzunehmen. So könne man erste vorsichtige Ausdehnungen mit Niederlassungen, aber auch Übernahmen in Europa beobachten. Daneben bestehe Interesse an Sparten, die derzeit eine geringere Schadenbelastung haben und somit die versicherungstechnischen Ergebnisse nicht gefährden. Da dies zeitgleich mit dem Markteintritt von Mitsui, QBE, Quinn, Mapfre und einer Zeichnungsstelle der Münchener Rück in den deutschen Markt geschieht, stellte Herr Oelßner als abschließende Frage in den Raum, ob es sich hierbei möglicherweise um den Vorreiter einer neuen Kapazitätswelle in Deutschland handelt.

In seinem folgenden „Keynote Speech“ hob Brian O`Hara, CEO, XL Capital Ltd., hervor, daß der deutsche Markt für sein Unternehmen von ausgesprochen großer Bedeutung ist. Dabei ließ er nicht unerwähnt, daß gerade hier von gesetzgeberischer Seite nicht unerhebliche Anforderungen auf die Versicherungsunternehmen zukommen. In diesem Zusammenhang nannte er die Reform des VVG und die nationalen Besonderheiten bei der Umsetzung der EU-Vermittlerrichtlinie. Auch mit von der EU vorangetriebenen Bereichen setzte er sich auseinander, wie Solvency II, der Gruppenfreistellungsverordnung und der Umweltschadensrichtlinie. Speziell in dem letzten Punkt, also der Umsetzung der Richtlinie durch das Umweltschadensgesetz, sah er wegen der nicht überschaubaren Schadendimensionen (potential unknown risk) das größte Risiko in Deutschland. Als ein neues Risiko machte er die sich in den USA schon jetzt abzeichnenden Ansätze von Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung aus und prophezeite, daß auch der europäische Rechtsraum hiervon bald betroffen sein werden.

„Was kann Lloyd´s den deutschen Kunden bieten?“ Die Antwort von Rolf Tolle, Lloyds´s London, fiel im Ergebnis recht ernüchternd aus. Das während des DVS Symposions von der Zeitschrift Business Insurance Europe herausgegebenen Daily titelte: „Lloyd´s deems market too hot for expansion“. Und dies traf den Nagel wohl auf den Kopf. Obwohl Tolle einräumte, daß Lloyd´s in Kontinentaleuropa und vor allem in Deutschland unterdurchschnittlich vertreten ist, rechtfertige der gegenwärtige Marktzustand in der industriellen Sach- und Haftpflichtversicherung kein verstärktes Engagement von Lloyd´s in diesem großen Markt. Lloyd´s Hauptaugenmerk gelte dem Zyklusmanagement und dies bedeute, nur in Märkte zu expandieren, die ausreichende Gewinne versprächen. Nach seiner Ansicht gehöre Deutschland zur Zeit nicht dazu.

Prof. Dr. Dieter Frey, Ludwig-Maximilians-Universität, München, widmete sich der Frage: „Werden die Unternehmensleiter ihrer Verantwortung gerecht?“ Zunächst zeigte er die aus seiner Sicht häufigen Fehler in der Unternehmens- und Mitarbeiterführung auf. Zu ersterem merkte er an, daß oft Märkte verschlafen oder die Zukunft nicht vorweggenommen worden sei, daß man zu autistisch sei und zu viele Günstlinge, Wasserträger, Opportunisten um sich herum geschart und die Nachfolgeproblematik zu spät geklärt habe, zu kurzfristig orientiert sei und schließlich nicht immer die besten Leute aufstiegen. Als Fehler in der Mitarbeiterführung nannte er mangelnde Ethikorientierung, ungenügende Umsetzung von Center-of-Excellence-Kulturen und das Fehlen der Umsetzung von solchen Kulturen und Strukturen, die Spitzenleistungen und Innovation fördern. Ziel sollte dagegen eine partnerschaftliche Unternehmenskultur mit ethikorientierter Führung sein, die Fairness und Vertrauen schafft. Letztlich produzierten diese „soft factors“ auf Dauer harte Daten, die sich dann auch am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens ablesen lassen. Unter der Moderation von Jurand Honisch, Bertelsmann AG, diskutierten Karl Arnold, Arnold Assekuranz GmbH, Hartmuth Kremer-Jensen, Willis GmbH & Co., Dr. Theo Langheid, RAe Bach, Langheid & Dallmayr, und Dr. Herbert Palmberger, DLA Piper, über „Perspektiven der D&O-Versicherung“. Im Verlauf dieser Podiumsdiskussion wurde zunächst herausgearbeitet, was die D&O-Versicherung zu leisten vermag bzw. was nicht ihr Sinn und Zweck und dementsprechend ihr Deckungsgegenstand ist. So wurde hervorgehoben, daß sie trotz immer wieder auftauchender Behauptungen keinesfalls als Bilanzschutzdeckung mißverstanden werden dürfe. Auch sei sie keine Kaskodeckung, sondern eher eine Insolvenzschutzversicherung, und zwar zum Schutz des Unternehmens vor der Insolvenz des bei ihr tätigen Organs. Deutlich wurde auch, daß wegen des komplizierten Dreiecksverhältnisses (geschädigter Dritter, schädigendes Organ als versicherte Person und Unternehmen als Versicherungsnehmerin, wobei das Unternehmen bei der sog. Innenhaftung gleichzeitig auch Geschädigte ist) vielfache Spannungen auftreten, die zudem durch die vielen unbestimmten und zum Teil divergierenden Begriffe in den Policen zu nicht zu unterschätzenden Rechtsunsicherheiten führen, welche sich zunehmend belastend bei der Abwicklung von Schadensfällen auswirken. Diskutiert wurde im Zusammenhang mit der Innenhaftung auch der Direktanspruch des Geschädigten gegen den Versicherer, der für die D&O-Versicherung gesetzlich nicht vorgesehen ist.

„Was können die Kunden von HDI/Gerling erwarten?“ Mit dieser Frage setzte sich Dr. Christian Hinsch, HDI Versicherungen, auseinander. Nachdem er zunächst ein klares Bekenntnis seines Hauses zur Industrieversicherung abgegeben hatte, unterstrich Herr Dr. Hinsch , daß das Zusammenwachsen von HDI und Gerling entgegen vielfach geäußerter Bedenken und manchen Darstellungen in der Presse durchaus positiv verlaufe. Insbesondere bewege sich die Abwanderung der Führungs- und Fachkräfte weit unterhalb bisher kolportierter Größenordnungen. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht, d.h. prämienmäßig, sei bisher eine sehr erfreuliche Entwicklung zu verzeichnen. Hinsch bezeichnete HDI/Gerling als „deutschen Champion“. Mit Stammsitz in Deutschland spiele er in der europäischen Champions League der Industrieversicherung.

Der 2. Veranstaltungstag wurde mit einem Keynote Speech von Martin J. Sullivan, CEO, AIG Inc., eröffnet. Nachdem er die verschiedenen globalen Aktivitäten des mit rund 170 Mrd Dollar Börsenwert größten Versicherungsunternehmens der Welt vorgestellt hatte, hob er hervor, daß die AIG sich klar zu dem deutschen Industrieversicherungsmarkt bekennt, in welchem sie jetzt schon als größter Anbieter von D&O-Policen gilt. Für sein Haus sei der deutsche Markt sehr wichtig. Er unterstrich dies, indem er auf die kürzliche Übernahme der WÜBA durch die AIG hinwies. Damit sei deutlich gemacht, daß die AIG in Deutschland jetzt auch im Bereich des Mittelstandes wachsen wolle.

Anschließend behandelte Prof. Dr. Manfred Wandt das Thema: „Die Bedeutung der VVG-Reform für die Wirtschaft“. Prof. Dr. Wandt wird seinen Vortrag in Form eines Aufsatzes behandeln, der in einem der nächsten Hefte in dieser Zeitschrift abgedruckt wird. In einer Podiumsdiskussion unter der Moderation von Rita Lansch, Handelsblatt, gingen Dr. Werner Gleißner, RMCE RisCon GmbH, Klaus Greimel, E.ON Risk Consulting GmbH, Achim Hillgraf, FM Insurance Company Ltd., Direktion für Deutschland, Karin Mair, Deloitte Wirtschaftsprüfung GmbH, Wien, Hans-Georg Neumann, HDI Industrie Versicherung AG und Hauprecht Frhr. Schenck zu Schweinsberg, ThyssenKrupp Risk and Insurance Services GmbH, der Frage nach: „Wie steht es um das Risikomanagement in den Unternehmen?“ Dabei wurde das Thema unter verschiedenen Aspekten behandelt. So wurde als erstes herausgestellt, daß das Risikomanagement definitiv Sache des Vorstandes ist. Ob das Risikomanagement durch die gesetzgeberischen Aktivitäten - wie z.B. das KontraG - besser geworden ist, wurde unterschiedlich gesehen. So könne man aus gesetzlich formaler Sicht diese Frage durchaus bejahen. Gleichzeitig sei aber zu beobachten, daß der durch ein aktives Risikomanagement erzielbare ökonomische Nutzen oftmals in den Hintergrund geraten ist, möglicherweise eine Folge der primär juristischen Motivation. Auch würden Risikoinformationen bei anstehenden Investitionen nicht genügend genutzt (z.B. Engagement der Unternehmen in China). Eindeutig beantwortet wurde dagegen die Frage, ob die Existenz von Versicherungsschutz die Unternehmen dazu verleite, das Risikomanagement zu vernachlässigen. Dem wirke schon die Ausge-staltung der Policen entgegen. Im übrigen hätten Untersuchungen ergeben, daß der Faktor Mensch gar nicht die vorherrschende Schadenursache sei. Allerdings würden die durch menschliches Versagen bedingten Schäden im Ausmaß oft viel höher ausfallen als reine Technik- bzw. Materialschäden. Von Versichererseite wurde abschließend angemerkt, daß das Risikomanagement in Deutschland im internationalen Vergleich nicht schlechter, sondern anders aufgestellt sei. Insbesondere habe hier der Versicherungsschutz im Rahmen des Risikomanagements einen höheren Stellenwert. Die Vertreter der versicherungsnehmenden Wirtschaft merkten allerdings an, daß die Versicherer die Anstrengungen der Unternehmen in bezug auf Risikomanagement zwar durchaus schätzten, die Honorierung im Rahmen der Prämien aber zu wünschen übrig lasse.

Prof. Dr. Dr. Franz Radermacher, Universität Ulm, widmete sich anschließend dem Thema: „Strategien für die Bewältigung der Zukunft in schwierigen Zeiten“. Als Einstimmung wurde zunächst ein Ausschnitt aus dem von Prof. Radermacher federführend mitgestalteten Musical „The Globalisation Story“ gezeigt. In seinem Vortrag stellte Prof. Radermacher anschließend drei Szenarien vor, wie sich nach seiner Einschätzung die Zukunft der Welt entwickeln könnte. Einmal könnte es zu einem ökologischen Kollaps kommen, dem er eine Wahrscheinlichkeitsquote von 15 % zumaß. Es könne aber auch zu einer sog. Brasilianisierung kommen (Wahrscheinlichkeitsquote 50 %). Dem zu favorisierenden Zustand der Balance schließlich gab er eine Chance von 35 %. Die diesen Szenarien zu Grunde liegende Faktenlage ist so klar wie bedrückend: So sind zum einen die für unsere gegenwärtige Art zu Leben notwendigen Rohstoffe begrenzt. Die Ressourcensituation ist schon jetzt extrem eng. Gleichzeitig wird die Weltbevölkerung weiter wachsen. Um 1800 überschritt die Weltbevölkerung eine Milliarde Menschen, 1960 waren es bereits 3 Milliarden, heute sind es ca. 6 Mrd und 2050 könnten es schon 10 Mrd Menschen auf der Welt geben, wobei alleine China und Indien zusammengenommen bald über 3 Mrd Menschen verfügen. Prof. Radermacher führte aus, daß gegenwärtig 80 % der Menschen nur an etwa 20 % der Rohstoffe und des Wohlstandes teilhaben. Dies sei u.a. auch darauf zurückzuführen, daß wesentliche Entscheidungen auf dem Globus nicht im Wege einer globalen Demokratie bestimmt würden. Entscheidend sei, ob die Menschen so etwas wie eine Klimagerechtigkeit herstellen könnten. Damit laufe alles auf die Frage hinaus: Kann die Menschheit das globale ökologische Problem lösen oder nicht?

In der von Herbert Fromme, Financial Times Deutschland, geleiteten Podiumsdiskussion nahmen sich Wolfgang Faden, Allianz Global Corporate & Specialty AG, Hans-Otto Geiger, Palatina Versicherungs-Vermittlung GmbH, Felix Hufeld, Marsh GmbH, Dr. Jürgen Kurth, AXA Corporate Solutions, Dr. Stefan Sigulla, Siemens Financial Services GmbH, und Dr. Thomas Witting, Swiss Re Germany AG, des Themas: „Industrieversicherung – immer das gleiche Spiel oder ändern sich die Regeln?“ an. Im Verlauf der Diskussion zeichnete sich ab, daß die Versicherungswirtschaft trotz vielfach propagierter Bemühungen ihr sog. Zyklusmanagement nicht erfolgreich umsetzen konnte. Jedenfalls deuteten auch dieses Jahr die Zeichen darauf, daß der Markt weich bleibt. Eine weiterer Prämienabrieb bis in den zweistelligen Bereich wurde für möglich gehalten. Ob die weiche Marktphase auch in Zukunft anhält, wurde unterschiedlich gesehen. Während die einen darauf hinwiesen, daß der Markt wegen der ausreichenden Kapazitäten – sich nicht verschlechternde Schadensverläufe unterstellt – durchaus noch 2 weitere Jahre „soft“ bleiben könne, meinten die anderen, daß die Schäden bereits zunehmen würden und daher die Wende bald komme. Veränderungen müßten sich dagegen die Makler stellen. Deren Geschäftsmodell steht zunehmend unter Druck. Folge sei die bereits jetzt zu beobachtende Konsolidierung der Branche, die wohl auch noch die nächsten 10 Jahre andauern werde.

In seinem Schlußwort hob der DVS Vorsitzende, Ralf Oelßner, hervor, daß das DVS Symposion erneut seinen Platz als wichtigstes Forum des Industrieversicherungsmarktes bewiesen hat. Er dankte allen Teilnehmern, Ausstellern und Sponsoren dafür, daß sie an dem Erfolg der diesjährigen Veranstaltung mitgewirkt hatten. Abschließend lud er alle Beteiligten des Industrieversicherungsmarktes ein, auch das nächste DVS Symposion zu besuchen, daß in der Zeit vom 8. - 10. September 2008 in München an gleicher Stelle stattfindet.