15Sep2008

DVS Versicherungs-Symposion 2008 - Tagungsbericht

Mit dem DVS Symposion 2008 konnte in München ein neues Kapitel der beeindruckenden Erfolgsstory dieses im deutschsprachigen Raum einzigartigen Kongresses geschrieben werden. Erstmalig überschritt die Besucherzahl die Marke von 450 (2007: 400). Besonders erfreulich war, daß auch in diesem Jahr die Zahl der teilnehmenden Verbandsmitglieder angestiegen ist und somit die versicherungsnehmende Wirtschaft erneut einen wichtigen Beitrag zu dem positiven Ergebnis der Tagung geleistet hat.

Die während der gesamten Veranstaltung gute Stimmung zeigte sich schon während des Eröffnungsabends am 8. September. Mehr als 275 Registrierungen für diesen Tagungsteil, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr, machten deutlich, daß die Marktbeteiligten Wert auf den persönlichen Austausch legen. Dazu hat auch die wieder voll ausgebuchte Ausstellung hervorragende Möglichkeiten angeboten.

In seinen Eröffnungsworten am 9. September hob der Vorsitzende des DVS, Dr. Stefan Sigulla, drei Aspekte besonders hervor: Regulierung, Transparenz und Innovation. Vor dem Hintergrund der im Zusammenhang mit der Sektorenuntersuchung von der EU-Kommission angestellten Überlegungen merkte Dr. Sigulla an, daß die Industrieversicherung sicherlich das Marksegment ist, das sich am wenigsten für eine verbraucherschutzorientierte Regulierung anbietet. Das Geschäft würde auf beiden Seiten hochprofessionell betrieben, so daß staatliche Eingriffe eher Schaden als Nutzen stiften würden. Mit Nachdruck forderte Dr. Sigulla hingegen von den Anbietern, innovativer auf die Bedürfnisse der Industrie einzugehen. Wenn die Unternehmen sich einem ganzheitlichen Enterprise Risk Management stellen, erwarten sie von ihren Versicherern auch korrespondierende Risikotransfer-Antworten. Diese müssten natürlich auch die Deckung von Vermögensschäden einschließen.

Als erster Referent setzte sich anschließend Dr. Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI) mit „Wirtschaftspolitischen Herausforderungen - Wege zu mehr Wachstum und Beschäftigung“ auseinander. Er stellte voran, daß in den nächsten 12 Monaten mehrere politische Richtungsentscheidungen anstünden: in Deutschland die Wahl des Bundestages und des Bundespräsidenten, in der EU die Wahl eines neuen Parlaments und die Zusammenstellung einer neuen Kommission und schließlich in den USA die anstehende Präsidentschaftswahl. Als eine wichtige Möglichkeit, den aufziehenden Schwierigkeiten der Wirtschaft entgegenzuwirken, nannte er, in verstärktem Maße auf Innovationen zu setzen. Gegenwärtig stünden in Deutschland die Bedenken zu sehr im Vordergrund.

Prof. Dr. Richard Pott, Universität Hannover, behandelte im Anschluß das Thema “ Biodiversität – Chancen und Risiken für die Industrie”. Nachdem er zunächst die Entwicklung der Biodiversität, die er als Arten- und Lebensraumvielfalt definierte, von der Frühzeit des Lebens bis zu ihrer gegenwärtigen Ausprägung dargestellt hatte, widmete er sich ihrem Schutz und ihrer Erhaltung durch die verschiedenen weltweiten Umweltkonferenzen der Staaten und nachfolgenden Maßnahmen der EU sowie Deutschlands (zuletzt UmweltSchG). Er kam zu dem Schluß, daß Industrie und Umweltschutz durchaus kein Widerspruch sein müssen, sondern Ökologie auf längere Sicht sogar ein wirtschaftlicher Gewinn sei.

Über das Thema „Kunstversicherung angesichts steigender Marktpreise“ referierte anschließend Peter Meili, XL Insurance. Er zeigte auf, zu welch immensen Preissteigerungen es im Kunstmarkt in den letzten Jahren gekommen ist, die u.a. darauf zurückzuführen seien, daß Kunst als Mittel zur Diversifizierung im Rahmen von Anlagestrategien eingesetzt wird. Als Konsequenzen der gestiegenen Kunstpreise nannte er eine enorme Wertekonzentration in Sammlungen und öffentlichen Präsentationen und damit ein gestiegenes Potential für Großschäden. Dies ziehe wiederum einen höheren Anspruch an die Bonität des Versicherers nach sich. Der Referent merkte hierzu kritisch an, daß die Deckungssummen zunehmend das Aktienkapital der Risikoträger übersteigen würden. Das Deckungskapital für Fine Art in Kontinentaleuropa bezifferte Meili auf ca. 2 Mrd Euro. Hinzu komme noch einmal die gleiche Summe aus dem Lloyds Market.

Am Nachmittag des ersten Kongresstages wurden die neu eingeführten Workshopreihen durchgeführt. Die Teilnehmer konnten hierbei aus einem breitgefächerten Angebot auswählen und sich über die von z.T. internationalen Expertenteams aufbereiteten Themen „Vermögensschäden - Haftung und Versicherung“ über „Betriebliche Altersversorgung“, „Versicherungsmärkte China und Indien“, „D&O-Versicherung“, „Terrorversicherung“ und „Belegschaftsgeschäft“ intensiv informieren und miteinander austauschen.

Während des festlichen Dinners am Abend trat als Dinnerspeaker Evan Greenberg, President und CEO der ACE Limited, Bermuda, auf. Er setzte sich in seiner Rede mit der Finanzkrise und der gegenwärtigen und zukünftigen Marktsituation in der Industrieversicherung auseinander. Die anhaltende Dauer der weichen Marktphase sei von der Branche so nicht erwartet worden. Die schwache Konjunktur beeinflusse die Prämien aber auch weiterhin negativ. Die Kunden würden jedoch auf lange Sicht eher Nachteile erleiden, da bei einer Verhärtung des Marktes überhöhte Prämien anstünden. Mit der Verlegung des Hauptsitzes der ACE nach Zürich habe sein Unternehmen ein klares Bekenntnis zu Europa und damit auch zum deutschen Markt abgegeben.

Am Morgen des 10. September trat als Keynote Speaker der Vorstandsvorsitzende der Allianz SE, Michael Diekmann, auf. Auch er gab eine sehr zurückhaltende Prognose hinsichtlich der Preisentwicklung der Schaden- und Unfallversicherung für Unternehmen. Viel Spielraum für Preiserhöhungen in den nächsten zwölf Monaten gebe es aus seiner Sicht nicht – dies gelte sowohl für den deutschen Markt als auch im globalen Durchschnitt. Die Allianz werde aber im Industrieversicherungsgeschäft nicht nur bleiben, sondern dieses sogar ausbauen. Kritisch äußerte sich Diekmann gegenüber der Praxis, daß alle Mitglieder von Mitversicherungskonsortien den gleichen Prämiensatz erhalten. Er plädierte dafür, daß der Führende eine höhere Prämie erhält. Die übliche Führungsprovision spiegele laut Diekmann nicht den besonderen Know-How-Einsatz des Führenden wider.

Als nächster Redner behandelte Dr. Peter Ingenlath, stellvertretender Vorsitzender des Kreditversicherers Atradius N.V., das Thema „Kreditmanagement in Zeiten wirtschaftlichen Umbruchs“. Der Referent machte deutlich, daß ein wirkungsvolles Kreditmanagement für die Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewonnen habe und vor dem Hintergrund der weltweiten wirtschaftlichen Situation noch viel stärker ausgebaut werden müsse. Die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der wirtschaftlichen Lage bewertete er als durchaus kritisch. So seien z.B. die Konjunkturerwartungen rückläufig, die Aktienkurse durch Rückgänge gekennzeichnet, Bonitätsverschlechterungen sowohl in den USA als auch Westeuropa zu verzeichnen und auch die Finanzierungskonditionen hätten sich verschlechtert. Die Kreditversicherer spürten – wenn auch bisher nicht dramatisch – die Auswirkung der gegenwärtigen Finanzkrise bereits in ihren Schadenbilanzen. Dies und der allgemeine wirtschaftliche Abschwung würde, so der Referent, dazu führen, daß das gegenwärtige Preisniveau wohl nicht beibehalten werden könne.

Ines Alpert aus der Generaldirektion Binnenmarkt und Dienstleistungen der EU-Kommission stellte anschließend die Perspektiven ihrer Behörde zu Solvency II vor. Als Ziele von Solvency II umriß sie die Stärkung der Integration des europäischen Versicherungsmarktes, die Verbesserung des Schutzes der Versicherungsnehmer, die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der EU-Versicherer und die Förderung besserer Rechtssetzung. Mit nur einer Richtlinie sollen 14 Einzelrichtlinien über die Versicherungs- und Rückversicherungsaufsicht ersetzt werden. Frau Alpert unterstrich in ihrem Vortrag das Gewicht des Verhältnismäßigkeitsprinzips, das in allen 3 Säulen der Gruppenaufsicht gelten und die Praktikabilität der Anforderungen an die Unternehmen sicherstellen soll. Zusammenfassend stellte sie fest, daß die Einführung eines risikobasierten Aufsichtssystems für die gesamte Volkswirtschaft gut sei. Solvency II sei ein sehr umfangreiches Projekt, zu dessen Unterstützung die Industrie auch weiterhin beitragen sollte. Wenn Europa eine Vorreiterrolle im internationalen Umfeld übernehmen wolle, müsse Solvency II vor dem Ende dieses Jahres verabschiedet werden.

Anschließend fand die traditionelle Podiumsdiskussion des DVS Symposions statt. Unter der Moderation von Herbert Fromme, Versicherungsjournalist für die Financial Times Deutschland, diskutierten Harry Daugird, ABB AG und Vorsitzender des Versicherungsausschusses des BDI, Reiner K. Gleiss, Mitsui Sumitomo Deutschland, Gerhard Heidbrink, HDI-Gerling Industrie Versicherung AG, Jurand Honisch, Bertelsmann AG, Ralph P. Liebke, Aon Jauch & Hübener Holdings, und Robert Oberholzer, SCOR Global P&C Deutschland, über die Frage: „Fürchten die Versicherer das Risiko?“ Die Vertreter der versicherungsnehmenden Wirtschaft machten zunächst deutlich, daß es ihnen nicht darum gehe, das eigentliche unternehmerische Risiko versichern zu können. Sie bemängelten aber, daß in bezug auf den angebotenen Versicherungsschutz Innovationen ausblieben. Der Risikotransfer über Versicherungen sei zu einem statischen System geworden, d.h. der Versicherungsschutz sei trotz der gewandelten Risikolandschaft eher gleich geblieben. Explizit sprachen sie das unzureichende Angebot von Versicherungsschutz im Bereich der Vermögensschäden und der IT-Risiken an. Die Versicherer betonten, daß sie keine Furcht vor dem Risiko hätten, wohl aber Respekt. Das Problem bei der Entwicklung von Deckungen für neue oder neuartige Risiken sei deren Bewertung und die Sorge vor dem Kumul. Andererseits gebe es aber durchaus Innovationen, wie etwa die Deckung von Vermögensschäden beim Ausfall von TV-Sendern im Rahmen der Versicherung der Olympischen Spiele in Peking. Dieser Schritt wurde in der Diskussion von der Wirtschaft als durchaus zielführend begrüßt, auch wenn es sich dabei eher um einen Einzelfall handele. Der Vertreter der Maklerschaft regte an, daß die Industrie ihre Nachfragerolle in Hinblick auf Innovationen verstärken solle. Gegenwärtig würde auch auf dieser Seite noch zu sehr in traditionellen Formen gedacht, so daß die Makler den Druck noch nicht richtig weitergeben könnten. Im übrigen sah er es als einen interessanten Ansatz für Neueinsteiger an, sich über Innovationen gegenüber den etablierten Anbietern hervorheben zu können. Am Ende der Diskussion wurden die Beteiligten gebeten, einen Marktausblick zu geben. Durchgehend wurde für die diesjährige Renewalphase ein gleichbleibendes bis leicht sinkendes Prämienniveau prognostiziert.

In seinem Schlußwort dankte Dr. Stefan Sigulla allen Teilnehmern, Ausstellern und Sponsoren für ihren Beitrag zu dem großen Erfolg der diesjährigen Veranstaltung. Das DVS Symposion habe erneut unter Beweis gestellt, daß es für alle Marktbeteiligten ein attraktives Forum bereit hält, um sich über die entscheidenden Entwicklungen auszutauschen, wichtige Informationen zu gewinnen und um Kenntnisse bis hinein in Spezialgebiete zu vertiefen. Abschließend lud er den Industrieversicherungsmarkt ein, sich wieder auf dem nächsten DVS Symposion zu treffen, das vom 8.-10. September 2009 in München an gleicher Stelle stattfinden werde.

Dr. Philipp Andreae