14Sep2009

DVS Versicherungs-Symposion 2009 - Tagungsbericht

„Dem DVS Symposion 2009 ist etwas gelungen, mit dem wir als Veranstalter nicht gerechnet haben. Trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise wurde der bisherige Besucherrekord übertroffen und wir können diesmal über 500 Besucher begrüßen“ (Vorjahr 450). Mit diesen Worten unterstrich der Vorsitzende des DVS Deutscher Versicherungs-Schutzverband e.V., Dr. Stefan Sigulla, in seiner Eröffnungsansprache den außerordentlichen Erfolg der diesjährigen Veranstaltung. Er hob hervor, das DVS Symposion zeichne sich ganz besonders dadurch aus, daß es den gesamten Markt zusammenbringe und die verschiedenen Marktkreise ausgewogen repräsentiere. Dr. Sigulla brachte es auf die Kurzformel: „Hier kommt man zusammen, hier findet der Informationstransfer statt“.

Dies zeigte sich auch schon am Eröffnungsabend am 8. September, zu dem sich über 300 Teilnehmer einfanden und in entspannter Atmosphäre vielfältige Möglichkeiten für den persönlichen Austausch nutzten. Auch die wieder schnell aus- bzw. sogar übergebuchte Ausstellung belegte das große Interesse des Marktes an der Veranstaltung.

Den Eröffnungsvortrag am 9. September hielt der Präsident des GDV Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V., Rolf-Peter Hoenen. Er stellte in seinen Ausführungen die Sicht der deutschen Versicherer zu der wirtschaftlichen Situation, der Betrieblichen Altersversorgung, der Kreditversicherung und der D&O-Versicherung dar. Die Versicherungswirtschaft – so Hoenen - sei nicht Auslöser der Krise, wohl aber von ihr betroffen, denn sie hänge natürlich auch von der Kapitalmarktentwicklung ab. Hoenen betonte, daß die Assekuranz aber ein stabiles Element innerhalb der Finanzwirtschaft darstelle. Für das Industriesachgeschäft erwarte er 2009 eine „rote Null“. Wegen des funktionierenden Wettbewerbs sprach er von schmerzhaft günstigen Prämien. Im Bereich der D&O-Versicherung erwartet die Assekuranz wegen der Finanzkrise steigende Schäden. Den von dem Gesetzgeber eingeführten Pflichtselbstbehalt klassifizierte Hoenen als Eingriff in die Privatautonomie. Er erwarte aber, daß die Versicherer bald Angebote zur privaten Absicherung des Selbstbehaltes anbieten werden. Zu der von der versicherungsnehmenden Wirtschaft und der Politik geäußerten Kritik an der Verhaltensweise der Kreditversicherer wiederholte Hoenen die Position des GDV, wonach es nicht zu einem flächendeckenden Rückzug des Angebots gekommen sei. In der Diskussion mit dem Auditorium war allerdings die Kreditversicherung ein sehr kontrovers behandelter Punkt.

Prof. Dr. Axel P. Lehmann, Zurich Financial Services, stellte anschließend das Risikomanagement eines Versicherers in Zeiten der Krise vor. Bezogen auf sein Unternehmen betonte er, daß man Risikomanagement als eine „Top Management Responsability“ verstehe und praktiziere. Kern des Risikomanagements eines Versicherers sei es, auf eine solide Bilanz zu achten. Die Zurich habe die Rückversicherungsabhängigkeit stark zurückgefahren. Finanzanlagen würden sehr konservativ vorgenommen. Außerdem habe sich sein Haus auf das echte Versicherungsgeschäft fokussiert und das Asset Management stark zurückgefahren.

Die nachfolgende Podiumsdiskussion unter der Moderation von Prof. Stefan Materne, (FH Köln), setzte sich mit dem Thema „Wie kann die Bonität von Versicherern bewertet werden?“ auseinander. Die Panelteilnehmer waren Karin Clemens (S&P), Felix Hufeld (Marsh), Jurand Honisch (Bertelsmann) und Dr. Jürgen Kurth (AXA Corporate Solutions). Vor dem Hintergrund der teilweise spektakulären Fehleinschätzungen der Ratingagenturen im Zusammenhang mit der Finanzkrise (z.B. Lehman Brothers, AIG) zog sich Clemens darauf zurück, daß die Bewertungen der Rater nur als „journalistische Meinungsäußerung“ zu verstehen seien. Die Diskussionsteilnehmer kamen folglich zu der Einschätzung, daß ein singuläres Modell, welches zuverlässig die gegenwärtige und zukünftige Bonität eines Versicherers zu bewerten vermag, nicht bestehe. Als mögliche Konsequenz wurde eine stärkere Diversifizierung des Risikos in Form der Steigerung der Anzahl der Versicherer eines Programms genannt. Auch eine stärkere Rolle der BaFin wurde diskutiert. Von der Maklerseite wurde darauf hingewiesen, daß man dort aus der eigenen Erfahrung heraus Einschätzung von Versicherungen vornehmen könne. Eine haftungsmäßiges Einstehenwollen hierfür wurde aber ausdrücklich abgelehnt. Prof. Materne meinte in seiner abschließenden Zusammenfassung, daß eine Delegierung der Verantwortung auf Rater auch in Zukunft nicht möglich sei.

Der Nachmittag des ersten Kongreßtages war den Praxisreihen gewidmet. Dieser Programmteil war gegenüber dem Vorjahr wegen der großen Nachfrage erweitert worden. Insgesamt wurden 8 Foren angeboten: Versicherbarkeit von IT-Risiken (Moderation Klaus Braukmann, Continental), Erfahrungen mit der Umsetzung internationaler Programme (Moderation Dirk Wegener, Daimler AG), Solvency II / Captives (Moderation: Peter den Dekker, FERMA), Finanzkrise und betriebliche Altersversorgung (Moderation: Jörg Heidemann, DVS), Haftpflichtversicherung im aktuellen Umfeld (Moderation Gregor Köhler, Bayer AG), Mitarbeitersicherheit im Ausland (Moderation: Jörg Heidemann, DVS), Risiko Betriebsunterbrechung / Risiko Lieferkette (Moderation: Dr. Peter Klatt, BMW Group), Kreditversicherung (Moderation: Sabine Prechtl, Hugo Boss AG).

Der zweite Kongreßtag wurde mit einer Keynote Speech von Ulrich Wallin, Hannover Rückversicherung AG, eröffnet. Seiner Einschätzung nach wird das Prämienvolumen der Industrieversicherung im Jahr 2010 wegen des geringeren Umsatzes des Industriegeschäftes sinken. Wallin sprach von einer „kritischen Situation“ für das Prämienniveau der Industrieversicherung im nächsten Jahr. Jedenfalls sei die Profitabilität für die Versicherungsunternehmen nicht hoch. Nach Bedienung aller Stakeholder bliebe für den Gewinn der Unternehmen nicht viel übrig.

Anschließend widmete sich Prof. Dr. Bernhard Emunds, Oswald-von-Nell-Breuning-Institut, dem Thema „Ethik der Finanzwirtschaft – in Zeiten der Finanzkrise“. Ethik in diesem Zusammenhang definierte Prof. Dr. Emunds als zweistufiges Modell: Zum einen müsse man sich an die Gesetze halten, wobei auch deren „Geist“ zu beachten ist. Zum anderen müsse bei allen Geschäften das Gemeinwohl im Auge behalten werden. Gemeinwohl bedeute hier, möglichst viel positive Freiheit für alle Gesellschaftsmitglieder zu erreichen, d.h. möglichst umfassende Entfaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten im Sinne einer Verwirklichungsfreiheit aller. Für die Finanzwelt folge daraus, daß sie nur mit solchen Finanzprodukten Geld verdienen dürfe, die für das Gemeinwohl einen Mehrwert darstellen.

In einem sehr lebhaften Vortrag stellte Dr. Horst Ihlas, Dr. Ihlas GmbH, „Entwicklungslinien in der D&O-Versicherung“ dar. Er warf hierbei einen kritischen Blick auf die jüngsten Entwicklungen der Gesetzgebung, insbesondere den erst kürzlich unter hohem Zeitdruck (Ihlas: „zwischen der Regelung der Sterbehilfe und Kinderpornografie“) eingeführten Pflichtselbstbehalt in der D&O-Versicherung. In diesem Zusammenhang hinterfragte Ihlas auch die Art und Weise, wie die Medien zuvor die öffentliche Pauschalverurteilung der Manager angeheizt hatten. Die traditionelle Abschlußdiskussion des DVS Symposions setzte sich mit dem Thema Wirtschaftskrise und Versicherungsmarkt auseinander. Unter der Moderation von Herbert Fromme, Financial Times Deutschland, der zuvor ein kurzes Einführungsreferat gehalten hatte, diskutierten Dr. Axel Theis (AGCS), Stefan Zemp (XL), Rudolf Flunger (Swiss Re), Dr. Leberecht Funk (Funk & Söhne/ VDVM), Klaus Greimel (E.ON/DVS) und Gerhard Nelke (Deutsche Telekom/BfV) über provokativ formulierte Thesen von Fromme. Dabei bildete sich folgendes Meinungsbild: Ein von Fromme vorhergesagter Absturz der Industrieversicherung wurde für nicht wahrscheinlich gehalten. Eher konnte man sich eine Delle vorstellen. Prämienerhöhungen hielt das Panel jedenfalls bei normal verlaufenden Verträgen für nicht durchsetzbar. Auch das Bild vom opportunistischen Kunden, der das Rating einerseits außer acht lasse, andererseits aber zum Zwecke der Prämiensenkung darauf zurückgreife, wurde so nicht bestätigt. Zu der These, daß das Geschäftsmodell der Großmakler gescheitert sei, wollte sich auch kein Panelteilnehmer bekennen. Kritisch wurde allerdings angemerkt, daß Contingent Commissions, wie sie jetzt zum Teil in den USA wieder gefordert werden, ohne Zustimmung der Kunden nicht hinnehmbar sind. Schließlich vermochte das Panel auch nicht der These folgen, daß die Kundenorientierung von Versicherungen und Maklern „leeres Gerede“ sei. Vielmehr wurde von mehreren Teilnehmern angemerkt, daß die Wiedererkennung des Kunden im Industrieversicherungsbereich auf dem Vormarsch sei.

In seinem Schlußwort griff Dr. Stefan Sigulla letzteres auf und merkte an, daß das DVS Symposion an dieser Entwicklung durchaus mitgearbeitet habe. In diesem Zusammenhang hob er noch einmal die Funktion des Kongresses als herausragende Plattform für die Informations- und Meinungsvermittlung des gesamtem Industrieversicherungsmarktes hervor und dankte allen Teilnehmern, Ausstellern und Sponsoren für ihr aktives Mitwirken an der erfolgreichen Veranstaltung. Anschließend lud Dr. Sigulla den Industrieversicherungsmarkt ein, sich wieder auf dem nächsten DVS Symposion zu treffen, das vom 7. - 9. September 2010 in München stattfinden wird.

Dr. Philipp Andreae