13Sep2010

DVS Versicherungs-Symposion 2010 - Tagungsbericht

Im fünften Jahr des Bestehens der Veranstaltung in Kongressform trafen sich vom 7. bis 9. September in München knapp 590 Besucher aus allen Bereichen des Industrieversicherungsmarktes. Damit wurde zum fünften Mal in Folge ein Rekord gebrochen – das erste DVS Symposion neuer Machart hatte noch 300 Besucher. Mit mehr als einem Drittel der Teilnehmer war die versicherungsnehmende Wirtschaft stark vertreten. Der Zuwachs in dieser Gruppe hatte einen beachtlichen Anteil an der Steigerung der Gesamtbesucherzahl. Der Verband und damit alle seine Mitglieder können zu Recht stolz auf dieses Ergebnis sein. Keine andere Veranstaltung im Bereich der Industrieversicherung ist für den Markt von vergleichbarer Attraktivität.

Dies machte auch Dr. Stefan Sigulla, Vorstandsvorsitzender des DVS, deutlich. In seiner Eröffnungsansprache am 8. September hob er die Bedeutung des Versicherungsschutzes als Teil der Unternehmensfinanzierung hervor. So könnten die Unternehmen mit der Transferierung von Risiken auf die Bilanz der Versicherer Risikokapital freisetzen, welches sie sonst zur Unterlegung von Risiken benötigten und intern verzinsen müssten. Bei dieser Sichtweise würde schnell klar, welche Mehrwerte die für den Versicherungsschutz Verantwortlichen für die Unternehmen generieren können. Um die Entwicklung weitergehender Versicherungskonzepte für bisher nicht gedeckte Bereiche insbesondere im Umfeld neuer oder neuartiger Risiken zu forcieren, schlug Dr. Sigulla einen Transparenzpakt aller im Versicherungsmarkt beteiligten Stakeholder vor. Ein von allen Seiten betriebener transparenter Umgang mit den Risiken könne mehr Deckung und bessere Prämien schaffen.

Erster Redner des DVS Symposions war Dr. Thomas Steffen, BaFin, der sich mit „Aktuellen Aufsichtsfragen und Solvency II“ auseinander setzte. Dr. Steffen fasste zunächst den gegenwärtigen Entwicklungsstand um Solvency II mit dem Satz: „Alles ist im Fluss“ zusammen. Er begrüßte die ab 2011 auftretende Europäische Versicherungsaufsichtsbehörde EIOPA als eine notwendige Institution. Er hielt hierfür einen Mitarbeiterstab von 100 Personen für angemessen. Zu den offenen Fragen zu Solvency II hob er hervor, dass die Komplexität des Gesamtmodells von kleineren Versicherungsunternehmen zu Recht kritisiert worden sei. Zum Umfang der geplanten Berichterstattung meinte Dr. Steffen, dass die Aufsicht tatsächlich mehr und aktueller informiert sein müsse. Allerdings sollten dabei der Verhältnismäßigkeitsmaßstab und die Kosten im Auge behalten werden. Die Frage, ob und wie Solvency II die Industrieversicherung verteuern könnte, beantwortete er mit einem Hinweis auf das schon praktizierte Modell in der Schweiz, welches keine großen Mehrkosten bewirkt habe. Der Markt zeige jedenfalls, dass die Schweizer Anbieter durchaus wettbewerbsfähig sind. Anschließend ging Dr. Torsten Jeworrek, Munich Re, den „Chancen an den Grenzen der Versicherbarkeit“ nach. Zur gegenwärtigen Situation merkte er an, dass der Versicherungsmarkt praktisch nur für Risiken wie im vergangenen oder vorvergangenen Jahrhundert Lösungen bereit hält. Man müsse demgegenüber herausfinden, wohin der Bedarf zukünftig geht. Die Unternehmen müssten sich fragen, welche Arten von Risiken es bei Ihnen gibt bzw. zu erwarten sind. Dem schließt sich die Entscheidung an, was man behalten und was man transferieren will. Gemeinsam mit den Kunden aus der Industrie und den Maklern will die Munich Re individuelle Lösungen auch für neue und bisher nicht als versicherbar geltende Risiken entwickeln, die später auch als Standardangebote offeriert werden könnten. Damit könne man auch die Entwicklungskosten neuer Deckungen breiter verteilen. Notwendig sei, dass alle Beteiligten im Hinblick auf die Risiken zur Transparenz bereit seien. Die Risikomanager in den Unternehmen müssten sich innerhalb der Unternehmenshierarchie stärker emanzipieren und zudem in der Lage sein, neue Risiken in allen Unternehmensbereichen und Geschäftsfeldern zu erkennen und zu kommunizieren. Keine Möglichkeit für eine Versicherbarkeit sah Jeworrek allerdings in den Bereichen Atom, Krieg und Langlebigkeit.

Ein lebhaftes Zwiegespräch führte anschließend Prof. Stefan Materne, Fachhochschule Köln, mit Friedrich Schubring-Giese, Versicherungskammer Bayern, über die „Öffentlichen Versicherer heute und morgen“. Zur Rolle der Öffentlichen Versicherer in der Industrieversicherung angesprochen hob Schubring-Giese hervor, dass diese im Bereich der Sachversicherung aus den Monopolzeiten eine starke Marktposition tradiert haben. In der Haftpflichtversicherung sehe es dagegen etwas anders aus. Im gewerblichen Bereich erfolge der Vertrieb über die Sparkassen, ansonsten mehr über die Makler. Internationales Geschäft sei wegen der Ausrichtung der Öffentlichen Versicherer als Regionalanbieter nicht als Domäne anzusehen. Man sehe sich nicht als Global Player, wohl aber als Kapazitätsgeber. Schubring-Giese merkte an, dass die Öffentlichen Versicherer nicht auf das Industriegeschäft angewiesen seien.

Prof. Dr. Fred Wagner, Universität Leipzig, widmete sich dem “Risikomanagement der Versicherer – Die Bedeutung von Solvency II und MaRisk für die Industrieversicherung“. Als wesentlich sah er an, dass durch Solvency II ein Zwang zu einer risikoadäquaten Kapitalausstattung und zur Einhaltung von Grundsätzen eines ordnungsgemäßen Risikomanagements entsteht. Außerdem habe Solvency II eine risikoeffiziente Kapitalallokation im Versicherungsunternehmen zur Folge. Im Zuge dessen würden Versicherer in Zukunft nur noch Geschäfte betreiben, die sich einschließlich der zugerechneten Kapitalkosten selbst tragen. Die Bedeutung nachhaltiger, risikobasierter, wertorientierter Unternehmenssteuerung würde in den Versicherungsunternehmen steigen. Prof. Wagner folgerte, dass bei den Versicherungsunternehmen eine Akzeptanz defizitärer Geschäfte nur noch gegeben sei, wenn sie im Geschäftsverbund mit Werttreibern messbar zu einem Zukunftserfolg beitragen würden.

Am Nachmittag des ersten Veranstaltungstages standen die Foren auf dem Programm. Die Teilnehmer der Veranstaltung konnten unter folgenden Themen wählen, bei denen Expertenpanels intensiv miteinander unter Einbeziehung der Zuhörer diskutierten:

 

  • Internationale Programme / Compliance, Moderation: Elmar Bartelt, E.ON AG
  • Risk Engineering und Versicherungsmanagement in Zeiten
  • knapper Budgets, Moderation: Sabine Prechtl, Hugo Boss AG
  • Rückrufe – rechtliche und organisatorische Fragen, Moderation: Friedrich Schüßler, BASF SE
  • Risikomanagement in der betrieblichen Altersversorgung, Moderation: Jörg Heidemann, DVS e.V.
  • D&O Versicherung, Moderation: Jurand Honisch, Bertelsmann AG
  • Solvency ll - Auswirkungen auf die versicherungsnehmende Wirtschaft, Moderation: Dr. Peter Klatt, BMW AG
  • Betriebsunterbrechung ohne vorausgegangenen Sachschaden, Moderation: Ingo R. Zimmermann, EADS N.V.
  • Zeitwertkonten, Moderation: Jörg Heidemann, DVS e.V.

Im Rahmen der Eröffnung des zweiten Veranstaltungstages bestätigte Dr. Sigulla zunächst die Presseberichterstattung zu seinem anstehenden Wechsel in den Vorstand der HDI-Gerling Industrie Versicherung AG, der zum 1. Januar 2011 erfolgen wird.

Anschließend behandelte Dr. Dirk Sollte, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung Ulm, die Frage “Das Kartenhaus Weltfinanzsystem - Was kommt nach der Krise?“ Hierbei stellte er den Superorganismus „Menschheit“ in seinem Biotop „Erde“ vor, der über einen Code of Conduct zu einem ethisch korrekten Verhalten zum Erhalt der Ressourcen finden muss. Die Verfahrenstandards müssten dabei über die WTO für international verbindlich erklärt werden.

Jurand Honisch, Bertelsmann AG, gab anschließend einen Kurzüberblick über „Aktuelles zur D&O-Versicherung“. Zunächst stellte er fest, dass die Zulässigkeit der Versicherung des Pflichtselbstbehalts mittlerweile außer Frage stehen sollte. Hinsichtlich der verschiedenen im Markt angebotenen Lösungsmöglichkeiten könne ohne gerichtliche Klärung letztlich keine Aussage zur ihrer rechtlichen Zulässigkeit gemacht werden. Zur eigentlichen D&O-Versicherung hielt er fest, dass bei der Vorlage individueller Wordings von Maklern an die Versicherer die rechtliche Frage der Verwendereigenschaft noch nicht eindeutig beantwortet werden kann. Nach der Ansicht von Honisch müsse diese hier aber beim Versicherer verbleiben. Kritisch sieht Honisch die geplante Verlängerung der Verjährungsfrist in § 93 AktG im Zusammenspiel mit der Nachhaftung der D&O-Deckungen. Hier bestehe die Gefahr, dass die angebotenen Deckungen nicht mehr die vom Gesetzgeber geplanten Haftzeiten abbilden. Eine wirkliche Lösung des Compliance-Problems bei internationalen Programmen sieht Honisch derzeitig nicht. Zur Marktlage merkte er an, dass diese sich insgesamt eher als ruhig darstelle. Im Bereich der Finanzdienstleister müsse man dies ggfs. etwas kritischer sehen.

Die Keynote Speech der diesjährigen Veranstaltung wurde von Gregory Case, Aon, Chicago, gehalten. Nach seiner Einschätzung hat das Ausmaß der Risiken dramatisch zugenommen. Hinzu komme, dass die Risiken wesentlich komplexer geworden sind und vielfältige Rückkoppelungen auftreten. Beispielsweise habe die Katastrophe der Ölplattform im Golf von Mexico nicht nur Umweltschäden zur Folge, sondern auch Auswirkungen auf die Reputation des Unternehmens und könne sogar die Gesetzgebung beeinflussen. Im Zuge dieser Entwicklung sieht Case einen großen Bedeutungszuwachs des Risikomanagements. Es gelange als Top-Thema bis in alle Vorstandsbereiche und gewinne immer mehr an Einfluß. Zum Thema Transparenz merkte er an, dass sein Unternehmen „ekstatisch“ dazu stehe. Die Kunden sollten „glasklar“ sehen können, was die Kosten des Service und dessen Mehrwert sind. Zur bekannt gewordenen Zurverfügungstellung der von Aon auf der Global Risk Inside Platform (GRIP) gesammelten Kundendaten an die Versicherer teilte Case mit, dass den Versicherungsunternehmen andere Daten als den Kunden, für die das System eigentlich geschaffen wurde, offen gelegt würden. Zweck des Geschäfts sei, dass die Versicherer mit Hilfe der so gewonnenen Kenntnisse mehr Kapital für Deckungen bereitstellen.

Paul Corcoran, Nord Stream AG, stellte dem Auditorium anschießend die „Nord Stream Pipeline“ als einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit in Europa vor. Über zwei parallele Offshore-Pipelines von je 1.1224 km Länge mit einer Kapazität von 55 Mrd. m³ pro Jahr soll Europa direkt mit den Gasvorkommen in Russland verbunden werden, um 26 Mio. europäische Haushalte mit Energie zu versorgen. Corcoran führte aus, dass Nord Stream bereits die bisher umfassendsten Untersuchungen des Ökosystems der Ostsee vorgenommen und danach eine optimale Route definiert habe, die die Auswirkungen auf die Umwelt minimiert. Nachdem alle Genehmigungen vorliegen und die Finanzierung des 7,4 Mrd. Euro-Projekts gesichert ist, hat man mit dem Bau der ersten Pipeline begonnen.

Unter Leitung von Herbert Fromme, Financial Times Deutschland, fand die traditionelle Podiumsdiskussion statt. Das Thema der diesjährigen Runde lautete: „Neue Herausforderungen - alte Lösungen?“. Auf dem Podium saßen Hans-Jürgen Allerdissen, Deutsche Bahn, Dr. Joachim ten Eicken, HDI-Gerling, Hans-Otto Geiger, KSB/bfV, Norbert Noehrbass, Ecclesia, Claus Düppe, Chartis und Christoph Willi, Zurich. Während die Vertreter der versicherungsnehmenden Wirtschaft beklagten, dass die Assekuranz zu wenig innovativ und insgesamt zu zögerlich bei der Bewältigung neuer Risiken verfährt, meinten die Versicherer, dass man lieber nachhaltige Produkte anbieten und keine Schnellschüsse abgeben wolle. Allerdings wurde auch darauf hingewiesen, dass Industrieversicherung immer Individualversicherung ist und es Lösungen gebe, die man weniger publik mache. Es wurde insgesamt deutlich, dass sich die Marktbeteiligten aufeinander zu bewegen und ganz im Sinne des von Dr. Sigulla angesprochenen Transparenzpaktes gemeinsam an der Entwicklung von neuen Lösungsansätzen arbeiten wollen. Auf die zukünftige Entwicklung des Marktes angesprochen meinte die Mehrheit des Panels, dass bis 2012 Änderungen wohl nur bei außergewöhnlichen Ereignissen zu erwarten sind.

In seinem Schlusswort dankte Dr. Sigulla allen Teilnehmern und Ausstellern für ihr zahlreiches Erscheinen und aktives Mitwirken an der Veranstaltung. Einen ganz besonderen Dank richtete er an die Sponsoren, die das diesjährige DVS Symposion unterstützt hätten.

Anschließend lud er den Industrieversicherungsmarkt zum nächsten DVS Symposion ein, das vom 6. bis 8. September 2011 in München an gleicher Stelle stattfinden wird.